Hast du schon einmal in einer Praxis gestanden und gespürt, wie viel Dynamik in diesem Moment liegt? Auf der einen Seite steht das medizinische Fachwissen, manchmal in Form einer Koryphäe in Weiß. Auf der anderen Seite stehst du mit deinem Tier, das dir vollkommen vertraut. In genau diesen Momenten sind unsere Tiere uns und dem Praxisteam ausgeliefert. Sie können nicht sagen, wo es wehtut, und sie können nicht verhandeln. Sie brauchen uns als ihren sicheren Hafen und als ihre Stimme.
Mir begegnet in der letzten Zeit immer öfter eine Entwicklung, die mich nachdenklich macht. Klienten erzählen mir davon, dass oft schon wie selbstverständlich ein Operationstermin vereinbart wird. Und erst am Tag der geplanten OP, kurz vorher, wird die eigentliche Diagnostik wie ein CT oder ein Röntgenbild gemacht, um überhaupt erst zu entscheiden, was genau getan werden muss.
Natürlich gibt es Notfälle, in denen jede Minute zählt und ein schnelles Handeln lebensrettend ist. Aber in den allermeisten Fällen ist es eben nicht so. In normalen Situationen ist es unheimlich schwer, auf die Schnelle und unter Zeitdruck eine gute Entscheidung zu treffen. Wenn das Tier vielleicht schon für die Narkose vorbereitet wird und der Termin im Kalender steht, geraten wir in eine Haltung, in der wir nur noch funktionieren. Es bleibt kaum Raum, um tief durchzuatmen, um nachzufragen oder um in sich hineinzuspüren.
Dabei ist es so wichtig, erst einmal in Ruhe zu schauen, was überhaupt das Problem ist. Welche Möglichkeiten gibt es? Was ist im Moment wirklich sinnvoll für dein Tier und was vielleicht nicht?
Ich möchte dich heute daran erinnern, wie viel Macht und Intuition in dir stecken. Du musst kein Tiermedizinstudium absolviert haben, um eine großartige Fürsprecherin für deinen Gefährten zu sein. Du bist diejenige, die dein Tier jeden Tag an deiner Seite hat. Du kennst seinen Blick, seine feinen Zeichen der Erschöpfung und das leise Nuancenspiel seiner Sprache. Du trägst die tägliche Beobachtung in dir, und diese Beobachtung ist mindestens genauso wertvoll wie ein Diagnostikgerät.
Ermächtige dich selbst dazu, in der Praxis mitzudenken und nicht blind zu vertrauen.
Wenn ein Arzt dir eine Diagnose stellt oder eine Untersuchung vorschlägt, bitte ihn darum, es dir genau zu erklären. Frage nach, wie diese Diagnose zustande kommt und warum dieser Schritt jetzt nötig ist. Passt das, was dir dort gesagt wird, zu dem, was du zu Hause bei deinem Tier wahrnimmst? Wenn du unsicher bist, frage weiter. Ein guter Tierarzt fühlt sich von deinen Fragen nicht herausgefordert, sondern schätzt es, wenn eine aufmerksame Partnerin mit im Raum steht.
Spüre auch hinein, was dein Tier in dieser Situation braucht. Wie kannst du ihm den Besuch erleichtern? Wo liegen seine Grenzen? Und ganz wichtig: Achte darauf, wie das Praxisteam mit deinem Tier umgeht. Geschieht das achtsam, liebevoll und mit Respekt? Wenn du merkst, dass dein Tier überfordert ist oder zu schnell abgefertigt wird, darfst du genau dafür einstehen. Du darfst darum bitten, einen Moment innezuhalten, dem Tier kurz Ruhe zu gönnen oder einen anderen Ton anzuschlagen.
Unsere Tiere schenken uns ihr volles Vertrauen. Und wir dürfen dieses Vertrauen zurückgeben, indem wir aufmerksam und wachsam bleiben. Wir dürfen hinsehen, hinterfragen und den Mut haben, Raum für unser Bauchgefühl einzufordern.
Wenn du vor einer medizinischen Entscheidung stehst, dich verunsichert fühlst oder spüren möchtest, was dein Tier sich in diesem Prozess wünscht, bin ich von Herzen gerne an deiner Seite. Manchmal hilft der Blick auf die feinstoffliche Ebene, um im Außen wieder ganz klar zu sehen und mit vollem Herzen für das eigene Tier dazustehen.
Von Herzen,
Tanja
