Vielleicht hast du auch schon von dem sogenannten Dartmouth Scar Experiment gehört, das mir in den letzten Wochen gleich mehrfach begegnet ist und mich seitdem nicht mehr loslässt. In dieser Studie aus dem Jahr 1980 wurde den Teilnehmerinnen erzählt, sie nähmen an einer Untersuchung darüber teil, wie Menschen auf sichtbare Gesichtsveränderungen reagieren.
Ihnen wurde mit professioneller Theaterschminke eine täuschend echte Narbe ins Gesicht gemalt. Nachdem sie sich im Spiegel betrachtet hatten und sich innerlich darauf einstellten, mit dem Gefühl einer Entstellung in soziale Interaktionen zu gehen, wurde die Narbe kurz vor dem Verlassen des Raumes heimlich und unbemerkt wieder entfernt. Die Teilnehmerinnen glaubten also weiterhin fest daran, mit einer auffälligen Narbe im Gesicht unterwegs zu sein.
Unser Gehirn zeigt uns nicht immer die objektive Realität, sondern das, was es zu sehen erwartet.
Das Ergebnis war verblüffend. Sie berichteten nach den Gesprächen von abweisenden Blicken, unangenehmer Distanz, Mitleid und spürbarer Ablehnung. Doch in der Realität war da keine Narbe, sie hatte in diesem Moment nur noch in ihrer eigenen Vorstellung existiert. Was diese Menschen erlebt haben, war für ihr eigenes Nervensystem absolut echt.
Genau hier wird es für die tiefe Verbindung zu unseren Tieren unglaublich spannend, denn auf dieser Ebene wirken oft genau die gleichen Mechanismen. Wenn du, vielleicht sogar ganz unbewusst, erwartest, dass dein Tier in einer bestimmten Situation unsicher, krank oder schwierig reagiert, dann wirst du im Alltag genau dafür Bestätigungen finden.
Unsere innere Haltung schwingt im gemeinsamen Feld mit.
Wenn du tief in dir glaubst, deinem Tier nicht gerecht zu werden, spürst du in jeder noch so kleinen Reaktion deines Gefährten einen stillen Vorwurf. Und wenn du mit ständiger Sorge auf sein Verhalten blickst, weil du befürchtest, dass bald wieder etwas sein könnte, wirst du wahrscheinlich genau das am Ende erleben. Das geschieht nicht, weil dein Tier dich manipulieren möchte, sondern weil deine eigene innere Haltung im gemeinsamen Feld mitschwingt. Dein Tier nimmt diese Frequenz wahr und reagiert darauf.
Unsere Wahrnehmung ist eben kein neutraler Spiegel, sondern ein sehr feiner Filter, der von unseren Erfahrungen, Glaubenssätzen, Erwartungen und Ängsten geformt wird. Manchmal sind es alte innere Narben, die wir längst für die einzige Wahrheit halten.
Wo übersehen wir die feinen, positiven Veränderungen?
Dieser Filter sorgt im Alltag leider oft dafür, dass wir die kleinen Erfolge, die feinen positiven Veränderungen und all das Neue, das bereits leise da ist, gar nicht mehr richtig wahrnehmen können. Wenn du beispielsweise wochenlang intensiv mit einem bestimmten Thema beschäftigt warst, sei es eine Angst, ein Verhalten oder eine Krankheit deines Tieres, bleibst du oft im inneren Gefahrenmodus, selbst wenn dein Tier energetisch längst einen großen Schritt weiter ist.
Ich sehe das in meinen Tierkommunikationen so oft. Ein Tier hat sich bereits geöffnet, zeigt ganz neue Seiten und hat einen wunderbaren Weg gefunden, mit einer Situation umzugehen. Doch sein Mensch ist innerlich noch so sehr auf die alte Geschichte fixiert, dass er diese neuen Schritte kaum wahrnehmen kann. Das ist natürlich kein Vorwurf, sondern eine liebevolle Einladung an dich, deinen eigenen inneren Filter einmal ganz sanft zu erkennen.
Was glaubst du eigentlich über dein Tier?
Dein Tier lebt mit dir in einem gemeinsamen Feld. Es spürt dich und reagiert nicht nur auf das, was du tust, sondern auf das, was du tief in dir ausstrahlst. Eine der heilsamsten Fragen, die du dir in den kommenden Tagen stellen kannst, lautet daher: Was glaube ich eigentlich über mein Tier? Was erwarte ich von ihm, und wie formt diese Erwartung meine tägliche Wahrnehmung? Und wo übersehe ich vielleicht schon längst eine beginnende Heilung, weil ich innerlich noch an der alten Narbe festhalte?
Sobald du erkennst, dass du durch den Filter einer alten Verletzung schaust, kannst du beginnen, dein Tier mit ganz neuen Augen zu sehen. In diesem Moment bekommt dein Tier den Raum, völlig frei und anders zu reagieren, ganz ohne Projektionen oder unbewusste Rollen. Manchmal beginnt die tiefste Veränderung eben nicht durch ein aktives Tun, sondern durch das reine, bewusste Hinschauen.
Von Herz zu Herz
Tanja
